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Boulogne-sur-Mer, finde ein Zimmer in einem Hotel fast gegenüber von Ferriers nach England. Abends sitze ich dort im Restaurant, esse gutes Menü, rauche eine Zigarre, bezahle mit American Express und vor dem Hotel steht mein großes DS. Ich kann mir leisten hier ein paar Tage rumzugurken, ich bin kein Arsch, aber bin so alleine! Aber so ist es als Fotograf... Es ist außer Saison, ausser mir, sind nur noch drei Männer im Restaurant. Eine komische Zusammensetzung von einem Reichen, einem hoch lachendem Schwulem und einem älterem Mann ganz in schwarz bis auf die Silberkaros in seiner Krawatte. Der Laden wird durch zwei Kellner, einem Koch, der sich hier mehr aufhält als in der Küche, dem Padrone und seine bebrillte Tochter in Schwung gehalten. Die Madame ist nicht anwesend.  Alle Tische, an die zehn, sind erwartungsvoll gedeckt, die größeren mit einer Réserve carte "Grand Marinier" tabuisiert. Man erwartet wohl eine Gesellschaft hiesigen Politiker oder die Offiziere der heute angekommene Schiffe... Es kommt, nein, es erscheint ein Lebemann, mit einer eindrucksvolle Frisur wie eins Jean-Pierre Cassel; ihm folgt eine Dame mit verschwenderisch viel Hellblau um die Augen und im weisen Aprés-Ski Overall, nur die Stöckelschuhe stören die sportliche Erscheinung der Dame. Kein Küschen links und rechts, sondern kräftiges Händeschütteln, das den ganzen Raum einnimmt. Sehr laut verschwindet die Reservierungkarte und das Paar nimmt triumphierend Platz am Tisch. Frönende Diskussion beim Zusammensetzung der Gänge, danach folgt eine deutlich überlegende Musterung meiner Person, die andere Gesellschaft wird kurzes Blickes gewürdigt. Mir wurde deutlich gemacht, ich bin hier neben Ihnen, fehl am Platze sei. Endlich wird servieret, und ich sehe wie sie gut essen wissen. Es wird leiser, das lange Schweigen wird nur durch übertrieben gallantes und lautes Feuergeben unterbrochen. War das alles,wohl ja...  Garson s'il vous plaît la facture pour Monsieur... und Monsieur zahlt und begegnet sich allein in sein einsames Zimmer um einsam zu schlafen. Was für eine Scheiße.

 

Noch gestern Abend, nach dem Essen bin ich zum Meer hin, es liegt ja fast vor der Tür. Es war sehr warm, die anrollende Wellen wurden von dem Neon Hotellicht mit Reflexen veredelt. Leider musste ich heute Mittag mein Zimmer verlassen. Dass sie Sonntags zu haben, erfuhr ich erst, beim frühstücken. Schade. De Haan heißt das Ort zwischen zwei Dünnen, noch intakt, keine Hochhäuser. Da ich kein anderes Hotel gefunden habe, bin weiter in die Normandie gefahren. Hinter Calles ging langsam die Sonne unter und die Landschaft wurde hügeliger und tauchte in hellblauen Nebel ein, es war sehr hübsch. Langsam fahren, einsames Gut am Horizont, ein paar große kahle Bäume links zur Strasse von Wind gebogen, das gelbe Licht der französischen Autos die entgegen kamen, gute Musik aus dem Kassetten-Recorder, ich konnte ewig so fahren.

 

Mein Zimmer in Wimperoux, besser gesagt unser, den hier haben wir, ich und Dagmar, paar mal übernachtet als wir Wochenende für Wochenende aus Paris flüchteten. Ich habe jetzt alleine das Doppelzimmer drei bekommen. Zurzeit wird auch kein Tourist erwartet, nur das Hotel Paul + Virgine hat noch auf. Von der Neonreklame leuchtet nur das P- und Virgin- in die Nacht. Monsieur Paul lebt nicht mehr und ich weiß jetzt nicht mehr, ob er schon vor sechs Jahren nicht fehlte. Die Virgine sagt genauso wie damals, dass nur die Nr.3 frei ist, da sie renovieren. Wahrscheinlich arbeiten die Handwerker so langsam. Es mussten sicherlich auch schöne Zeiten hier gewesen sein. Die Bäume längst der Mauer mit dem stolzem Schriftzug im blau, die weiße Gartenstühle, die Damen mit großen Hüten, Herren mit feinen Manieren, Kinder in langen, gegen jedem Spiel genähten Kleidern. Das ganzes Leben trotzten Paul + Virgine der neuen Zeit. Die einzige Erneuerung waren, die Neonreklame und die Zentralheizung, die die Kamine ersetzte. Wahrscheinlich wohne ich hier zum letzten mal. Die Kinder von P. + V. verkaufen das Mobiliar an einem Antiquität-Händler und überlassen den alten Kasten den schönen gelben Bulldozer. Aber noch braucht das Flurlicht einige Zeit, nach betätigen des Schalter um zu leuchten; schon lange funktioniere das Türschloss nicht mehr; der schöne Schrank knarrt und hält seine Tür nur mit einem Bierdeckel zu. Genauso der eigenwillige Warmwasserhahn, der mit einem deutlich redet, bevor er sich hergibt Warmwasser zu spendieren. Der Fußboden lässt sich auch nicht ohne murren begehen und die alte Zentralheizung hat die ganze Nacht ihre Rheumabeschwerden.